Sonntag, 17. März 2013

Der Held (Archetypen der Erzählung)

In allen Geschichten, ob in Film, Fernsehen, Hörspiel oder auch Computerspiel, kommen gewisse Rollen immer wieder vor. Allen voran natürlich der Held, der trotz aller Hindernisse am Ende die Prinzessin retten wird. Auch diese Prinzessin ist wiederum eine typische Figur in vielen Erzählungen. Ebenfalls sehr bekannt ist die Rolle des Mentors, der dem Helden und auch dem Konsumenten der Erzählung viele wichtige Informationen liefert. Solche bekannten Rollen nennt man “Archetypen“. Der Begriff stammt vom Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung und fasst eben solche stets wiederkehrenden Figuren und Beziehungen zusammen.
In diesem Blog möchte ich einige dieser Archetypen grob vorstellen und durch Beispiele aus Filmen und auch Computerspielen näherbringen.

Der erste Teil meiner Reihe befasst sich gleich mit der wichtigsten Figur, dem Helden.

Viele Geschichten beginnen oft damit, dass man den Helden in seiner gewohnten Welt antrifft. Diese gewohnte, sichere Welt muss er daraufhin verlassen (gewollt oder ungewollt), um ein spannendes Abenteuer zu erleben. Das ist eine extrem grobe Darstellung der sogenannten “Reise des Helden“, welche ich ein anderes mal näher betrachten werde.





Hier ein paar Beispiele für die gewohnte Welt des Helden:

Stirb Langsam 4.0 –
John McClane soll eigentlich nur einen harmlosen Hacker überprüfen, gerät dann aber in eine handfeste Schießerei mit den Terroristen, die eben jenen Hacker töten wollen. Dadurch wird John McClane in eine weit größere Sache gezogen.

Half Life –
Ein ganz normaler Tag in der Forschungsstation Black Mesa wird durch ein fehlgeschlagenes Experiment zu einem Krieg gegen die Außerirdischen aus Xen.

Krieg der Welten -
Tom Cruise hat Feierabend und verlässt seinen Arbeitsplatz, während er sich mit seinem Chef streitet. Daneben sieht man noch seine familiären Probleme und die emotionale Distanz, die er zu seinen Kindern hat.

Der Held bietet dem Zuschauer ein Fenster zur Geschichte. Der Zuschauer erlebt durch seine Augen die Erzählung und identifiziert sich mit dem Helden. Um diese Identifikation zu erreichen, gibt man dem Helden Eigenschaften, bzw. Gefühle und Triebe, die jeder von uns kennt. Zum Beispiel Rache (Kill Bill), Überlebenstrieb (SAW, Jurassic Park) oder der Wille zum Erfolg (Rocky).

Wichtig ist, dass der Held im Verlauf der Geschichte eine Entwicklung bzw. einen Lernprozess durchlebt. Im Kern vieler Geschichten geht es um diesen fortlaufenden Lernprozess. Ein gutes Beispiel ist hierfür die Neuauflage von Krieg der Welten mit Tom Cruise. Zu Anfang ist er ein furchtbarer Vater, der seine Kinder nicht kennt und sich nicht mit ihnen befassen möchte. Mit dem Angriff der Außerirdischen wird ihm jedoch bewusst, wie wichtig ihm seine Kinder sind und dass er sich um sie kümmern muss. Aus einem charakterlichen Mangel am Anfang, wird er während der Erzählung zu einem besseren Vater.

Der Held sollte auch immer die Handlung vorantreiben. Er ist die aktivste Figur der Erzählung. In entscheidenden Momenten muss der Held sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ein gutes Beispiel ist das Ende von Underworld. Hier tötet Selene den Bösewicht Victor, obwohl vorher ihr befreundeter Werwolf Michael schon gegen ihn gekämpft hat und ihn auch hätte umbringen können, aber das hätte eine viel geringere und emotionslosere Bedeutung gehabt. Im Gegensatz zu Michael hat Selene im Verlauf der Geschichte eine Beziehung zu dem Bösewicht aufgebaut, da dieser zuvor noch die Rolle des Mentors gegenüber Selene hatte und damit quasi wie ein Vater für sie war. Vergleichbar wäre es, wenn man in einem Computerspiel zuschauen muss, wie jemand anderes meinen Erzfeind besiegt.
Nicht sehr befriedigend.

Interessant ist es auch, dem Helden einen oder mehrere Charakterfehler zu verpassen. Diese lassen den Helden menschlicher wirken. Das Zweifeln an sich selbst oder die Angst vor der Zukunft z.B. kennt jeder von uns. Dadurch steigt die Identifikation des Konsumenten mit dem Hauptcharakter.

Unter den Helden gibt es wiederum verschiedene Typen:

Der Jedermann
- John McClane in der Stirb Langsam-Reihe
- Tom Cruise in Krieg der Welten
- Sarah Connor in Terminator
- Frodo in Herr der Ringe


Sie sind aus bestimmten Umständen heraus gezwungen, ihre gewohnte Welt zu verlassen, um in der Abenteuerwelt zu bestehen. Sie sorgen nicht aktiv für Action, die Action kommt zu ihnen.

Der Action-Held
- Rocky Balboa
- John Rambo
- Duke Nukem
- Serious Sam


Dieser sorgt selbst aktiv für Action. Er IST die Action, während der Jedermann nur auf sie antwortet.

Eine weitere Unterkategorie ist der Antiheld. Er ist in den Augen der Gesellschaft zwar ein Außenseiter oder auch ein Krimineller, sympathisiert gleichzeitig auch mit dem Publikum. Beispiele hierfür sind Max Payne, Garret der Meisterdieb, der Punisher und Agent 47.


Augen offen halten!

Analysiert beim nächsten Film, den ihr euch anschaut, oder beim nächsten Computerspiel, das ihr spielt doch selbst einmal folgende Dinge:

- Welcher Typ von Held wird hier dargestellt (Jedermann / Actionheld)
- Wie sieht die gewohnte Welt des Helden aus?
- Hat der Held einen charakterlichen Mangel? Wenn ja, welchen?
- Welche Entwicklung macht der Held, während seiner Reise?


Kommentare:

  1. Aber wäre es nicht mal interessant, aus diesen Standards geschickt auszubrechen?

    Sind nicht solche 'regeln' einer der Gründe dafür dass man immer öfter das Gefühl hat, dies alles schon zigmal in leicht anderer Form gesehen zu haben?

    Zumal es oft auch aufgesetzt wirkt bzw. man schon fast erraten kann welchen Mangel der Held diesmal haben wird :-)

    Ich glaube so manche Geschichte könnte davon profitieren, mal aus diesem Schema auszubrechen.
    Natürlich nicht alle, aber einige bestimmt.

    Mir persönlich ist z.B. nachvollziehbarkeit der Handlungen viel wichtiger als eine Heldenreise, Macken des Helden oder gar seine charakterliche Entwicklung.

    Wenn ein Held in einem ernst gemeintem Film etwas klar dämliches macht dann ist meine Identifikation auf einen Schlag dahin.

    Darum fand ich z.B. die Charaktere in Prometheus grauenhaft. Sie waren schlicht auf allen Ebenen zu dämlich um als Top-Wissenschaftler oder zumindest als durchschnittlich begabte Menschen durchzugehen. :-)

    Interessanterweise fand ich David in dem Film noch am besten, vermutlich gerade weil er kein Mensch mit aufgesetzten Charaktereigenschaften war. Oder Fassbender hat lediglich alle anderen an die Wand gespielt. Oder beides... :-)

    Die Bombe und das "nichtsnutzige Hüpfgemüse" aus Dark Star hatten für mich mehr Charakter als so manch aktueller Kinoheld, und letzeres war lediglich ein bemalter Wasserball mit Füßen :-)

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  2. Hallo Sascha!

    Danke für deinen Kommentar! :).

    Diese "Standards" sind vom Publikum akzeptiert und auch gewünscht. Um ein größeres Publikum anzusprechen, kann man auf ein gewisses Maß an Form nicht verzichten.
    Aber dennoch gleicht nicht jede Erzählung der anderen oder jeder Held dem anderen (außer bei Stereotypen).

    Die Heldenreise kann kreativ kombiniert werden bzw. die einzelnen Stationen der Reise sind in jeder Erzählung unterschiedlich. Schau in ein paar Tagen nochmal vorbei, da kommt ein recht großer Blogpost in dem ich nochmal genau auf die einzelnen Stationen der Heldenreise eingehe. Da kannst du gerne nochmal einen Kommentar schreiben, was dir da auffällt, etc.

    Die Nachvollziehbarkeit der Handlung ist sehr wichtig, da gebe ich dir recht. Sobald der Held etwas dummes tut, was er gemäß seinem Charakter eigentlich nicht tun würde, ist er eine Marionette des Plots. Da verliert jeder Film seine "Magie".

    Prometheus habe ich noch nicht gesehen, werde ich aber bald nachholen :). Dark Star sagt mir auch nichts, lohnt es sich den zu gucken?

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  3. Hallo Benjamin,

    da stimme ich dir zu, je größer das angepeilte Publikum desto mehr sollte man sich an die akzeptierten und erwarteten Konventionen halten.

    Das ist halt das problem: Wenn man von seiner Kreativität leben muss, ist es immer riskant wenn man die bekannten und allgemein akzeptierten pfade verlassen will. Diese 'Standards' dienen halt der Risikominimierung weil man mit ihnen die größten Stolperfallen einfach umschiffen kann :-)

    Das ist natürlich eine gute Sache, aber ich persönlich mag es halt auch immer gern wenn eine Erzählstruktur mich überrascht bzw. was neues bietet.

    Dark Star lohnt sich auf jeden Fall wenn man mit dem vergleichsweise langsamen Erzähltempo alter 70er-jahre-filme klar kommt und noch nicht vom Musikvideoschnitt aktueller Blockbuster verdorben wurde. :-)

    Ist das Erstlingswerk von John Carpenter und Dan O'Bannon. O'Bannon hat 5 Jahre später das Drehbuch zu Alien geschrieben.

    Man kann also durchaus die Vermutung aufstellen dass Alien ohne Dark Star heute anders aussehen oder u.U. gar nicht existieren würde.

    Als ich im Post oben Prometheus erwähnt hab war mir dessen indirekte Verbindung zu Dark Star gar nicht bewusst, darum bin ich beim schreiben dieser Zeilen grad selbst überrascht wie verwoben vieles doch ist :-)

    Wenn du Prometheus guckst achte jedenfalls mal auf die Motivationen der einzelnen Charaktere. Warum sie was tun und wie sie auf bestimmte Situationen reagieren. Du wirst nicht wissen ob du lachen oder heulen sollst :-)

    Erwarte darum keinen ernsthaften Film (der er wohl leider sein will). Sieh ihn lieber als unfreiwillige Komödie mit tollen Bildern, dann bist du am ende vieleicht nicht so enttäuscht wie ich es war.

    Hätte O'Bannon doch bloß auch das Drehbuch zu Prometheus geschrieben, der hätte sicher einen Kultfilm draus gemacht. :-)

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  4. "Das ist natürlich eine gute Sache, aber ich persönlich mag es halt auch immer gern wenn eine Erzählstruktur mich überrascht bzw. was neues bietet."
    - Geht mir genauso! Schau dir mal "Der Pakt" an. Ist ein Horrorfilm, der mich persönlich sehr überrascht hat :).

    Dark Star ist notiert, werde ich mir mal anschauen! Danke für den Tipp! :)

    Prometheus werde ich mir auch mal anschauen, mit deinen Worten im Hinterkopf :).

    Grüße
    Benjamin

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