Dienstag, 17. Dezember 2013

Leseprobe "Die Gruft"

Guten Abend, meine Damen und Herren!

Heute präsentiere ich Ihnen meine erste Leseprobe zu meinem neuen Buch "Kurzgeschichten aus Nuun"! Ich wünsche eine gute Unterhaltung!




Die Gruft


Noch ein Hofbräu?”
„Nee, lass mal, Jurik! Was schulde ich dir?”
„Macht zwei Solid und eine Essensmarke!”
Samuel gab dem Wirt, wonach er verlangte, und rieb sich über die dünnen Linien seines Bartes.
Zwei Solid. Das war alles, was Gildenmeister Abel ihm für den abgelieferten Plunder gezahlt hatte. Die Krönung seines heutigen Raubzuges war ein dreckiger Silberbecher. Abels Gesichtsausdruck hatte Bände gesprochen, und Samuel wunderte sich, dass er überhaupt nach seinem Notizblock gegriffen hatte, um ihn auszuzahlen.

Jetzt saß er an der Bar im „Güldenen Dietrich”, der Taverne, die zu dem unterirdischen Komplex der Gilde gehörte. Jurik verdiente nicht schlecht. Hier wurden manche ihre Solid schneller los als eine unachtsame Dame ihre Handtasche im Gedränge des Wochenmarktes. Alkohol war immer noch der beste Dieb. Er stahl einem nicht nur das Geld, sondern auch die Sinne.
Passend zu diesem Gedanken bestellten zwei Taugenichtse hinter ihm laut grölend ihr neuntes Bier.
Samuel bildete mit seiner schlechten Laune den Gegenpol.
Hier unten zu leben, nachts auf Raubzug zu gehen und am Ende wieder nichts in der Tasche zu haben, hatte er allmählich satt.
Wie oft er nur aufgrund seiner Stauballergie flüchten musste, konnte er schon nicht mehr zählen. Die Leute machten ihre Wohnungen einfach nicht mehr richtig sauber.
Durch den dicken Zigarrenqualm hindurch sah er, wie sich die Tür der Taverne öffnete. Tabea und Rupert traten herein und grüßten den Wirt sowie weitere Diebe neben dem Eingang. Sie waren das Musterbeispiel dafür, das man als Dieb auch erfolgreich sein konnte. Samuel hasste die beiden.
Tabea ging an den Stühlen vorbei, stellte sich neben ihn an die Bar und bestellte zwei Flaschen Patzara-Wein, von dem eine allein hundertzwanzig Solid kostete. Ihre roten Haare dufteten lieblich nach Rosen.
Samuel schaute starr in die Gläserreihe, die im Regal hinter der Bar stand, und ärgerte sich, dass er nicht schon gegangen war.
„Na, Samuel? Fertig mit Bügeln?”
Sie lachte ihn aus, nahm ihre beiden Flaschen und ließ drei Hundertsolidscheine auf dem Tresen liegen. Während Jurik die Scheine griff, ging sie zurück zu Rupert und den anderen.
Seitdem bekannt geworden war, dass er für den alten Beringer die Hausarbeit erledigen musste, war er das Gespött der Gilde. Wie konnte er auch ahnen, dass der alte Mann seine Masche kannte.
Er hatte sich als Freund seines Enkels ausgegeben, der Geld für ihn holen sollte, damit die Armee von Hofstein ihn freilassen würde. Der alte Herr hatte ihn hereingebeten und unbemerkt hinter ihm die Tür abgesperrt.
Als er ihm sagte, das Geld würde im Schrank hinter ihm liegen, erblickte Samuel nur ein altes Bügeleisen. Er dachte schon, der Mann sei verrückt oder nicht mehr ganz bei Sinnen. Dann hatte er plötzlich eine Pistole im Nacken und wurde gezwungen, Unterhosen zu bügeln. Und nicht nur das! Er sollte auch die Wochen darauf jeden Tag vorbeikommen, sonst würde der alte Mann die Stadtwache alarmieren.
Jetzt waren Samuels Hände aufgequollen vom Abwasch, den er vor einer Stunde erledigt hatte. Oft dachte er daran, den alten Beringer zu töten, ihm einfach die Kehle zuzudrücken und ihn zu vergraben. Aber er konnte es nicht. Er erinnerte ihn an seine alte Mutter.
Samuel ertrug das laute Gelächter von Tabea nicht mehr, das von der Tür aus in seine Ohren drang. Er verließ seinen Hocker und wollte gerade stur vor sich blickend die Taverne verlassen, als er merkte, dass seine Blase drückte.


Vorbei an Zigarettenautomaten und Leuten, die sich lauthals unterhielten, ging er in den weiß gefliesten Raum und suchte sich eine der Holzkabinen aus.
Er war nicht nur ein schlechter Dieb, er war auch noch Sitzpinkler.
Auf der Kloschüssel sitzend verrichtete er sein Geschäft und legte dabei das Gesicht in die Hände.
Gerade als er wieder aufstehen wollte, hörte er, wie draußen die Tür aufsprang. Zwei Männer kamen herein und stellten sich an die kupfernen Pissoirs.
„Und, was kannst du mir anbieten?”
„Du weißt, dass mich das meinen Job kosten könnte, also hätte ich gerne eine gewisse Sicherheit bei der ganzen Sache!”
Leises, metallenes Plätschern erfüllte den Raum.
Samuel versuchte, unter der Kabine hindurch die Schuhe der Männer zu erkennen, aber sie standen zu weit weg.
„Wären zweitausend Solid genug Sicherheit?”
Kurz war es still, und man hörte gedämpft die grölenden Menschen aus der Taverne.
Samuel wartete und gab sich Mühe, keinen Mucks zu machen.
„Das klingt gut!”
„Schön!”
Langsam nahm das leise Plätschern ab, und das Geräusch einer Gürtelschnalle erklang sowie von Schritten auf den abgenutzten Fliesen.
„Dort, wo der Tarus vom Meer aus gesehen das erste Mal auf den Wald trifft, musst du ungefähr fünfzig Meter weiter nach Süden gehen. Der Eingang der Gruft wird von zwei großen Steinsäulen eingerahmt, die in den schwarzen Felsen eingelassen sind.”
Samuel spürte, wie sich etwas in seinem Darm regte. Das Gulasch, für das er eine Essensmarke gelassen hatte, meldete sich wieder.
„Und ihr wart noch nicht dort drin?”
„Nein, unser Trupp musste weiterziehen nach Hellmark. Der General erlaubte nur zehn Minuten Pause. Was glaubst du, dort zu finden?”
Samuel kniff den Po zusammen. Ein laues Lüftchen wollte seinem Hinterteil entweichen.
„Vampire geben immer reichlich Schmuck in ihre Särge!”
„Ist das nicht zu gefährlich?”
Einer der Männer lachte, und Samuel erkannte, dass es Rupert war, der da gerade den nächsten Raubzug organisierte.
Der Druck wurde immer stärker, sodass Samuel anfing, ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken.
„Ja, es ist gefährlich! Aber wir nehmen lieber diese Gefahr auf uns, als wochenlang in die Wohnungen alter Frauen einzusteigen, die höchstens ein paar Solid unter ihrer Matratze verstecken. Kein Risiko, kein Hauptgewinn!”
Samuel biss die Zähne fester zusammen und hörte das dumpfe Klingen von Münzen.
„Na, die werde ich bestimmt nicht unter mein Kopfkissen stecken!”
Beide verließen lachend den Toilettenraum.
In dem Moment, als die Tür ins Schloss fiel, entwich Samuel ein langgezogener Darmwind.
Er atmete stoßartig aus und dachte an ihre Worte.
Was hatten Rupert und Tabea vor? In eine Vampirgruft steigen? Und wer war dieser andere Typ aus der Armee? Solche Tipps an Diebe weiterzugeben war bestimmt nicht erlaubt.
Samuel beendete seine Grübeleien.
„In die Wohnungen alter Frauen steigen”, murmelte er vor sich hin und dachte an seine Mutter, die ein Wohnzimmerfenster hatte, das ungünstig zu einer dunklen Gasse hin lag.

„Ja, was möchten Sie?”
Auf einen Stock gestützt schaute sie durch eine kleine, runde Brille nach oben und kniff die Augen zusammen.
„Mutter, ich bin's, Samuel!”
„Samuel? Ach ja, Samuel! Komm rein, mein Junge, ich habe dir eine Suppe gekocht, die dir bestimmt gut schmecken wird!”
Sie verschwand um die Ecke des Flures. Die Suppe, die er häufiger bekam, bestand aus kaltem Wasser, das sie auf ihrem kaputten Herd stehen hatte. Er fragte sich jeden Tag, wann sie sein Gesicht endgültig vergessen würde.
Ohne zu zögern marschierte er durch den Flur ins Wohnzimmer, um nach dem Fenster zu schauen. Er schob es nach oben und untersuchte die Ränder des Fensterladens und des Holzrahmens. Eindeutige Spuren waren zu erkennen.
„Verdammt!”, zischte er.
Er schloss das Fenster und ging ins Schlafzimmer, wo er feststellen musste, dass die ersparten Solid nicht mehr unter der Matratze waren.
Was ist das für eine Gilde, die sich gegenseitig bestahl? Jeder Dieb musste sich vor einem Einbruch informieren, wer in dem Haus lebte. Dafür hatte er diese Adresse bei der Aufnahme in die Gilde schließlich angegeben.
Sauer verließ er das Schlafzimmer und bekam von seiner Mutter einen Teller in die Hand gedrückt.
„Hier, mein Junge, iss!”
Er setzte sich an den kleinen Tisch im Wohnzimmer und betrachtete den leise knisternden Kamin.
Während sich die alte Dame in ihrem Schaukelstuhl niederließ, fing er an, das kalte Wasser auszulöffeln. Wie jedes Mal.
„Schmeckt sehr gut, danke, Mutter!”
Sie lächelte ihn zufrieden an.
Auch wenn sie vergesslich war und ihre Suppe nicht mehr von Wasser unterscheiden konnte, war sie dennoch in der Lage, ihren Alltag selbst zu meistern. Die Stube war stets sauber und aufgeräumt. Kein Grund, das Hilfsamt zu informieren.
Samuel stellte sich vor, wie Rupert hier einstieg und die hart gesparten Solid einfach so an sich riss.
Skrupellosigkeit war ebenso eine Eigenschaft, die ihm fehlte, um ein wirklich guter Dieb zu sein. Seine Mutter schaute ihm weiter lächelnd dabei zu, wie er ihre Suppe aß.
„Wie läuft es in der Fabrik, mein Junge?”
Ihr Grinsen verdreifachte sich durch die Falten in ihren Mundwinkeln.
„Gut, Mutter. Viel Arbeit und jede Menge Metall! Nicht sehr aufregend!”
Sie nickte sanft und schaute verträumt im Raum umher, während sich ihr Kiefer immer wieder auf und ab bewegte, als würde sie etwas kauen.
„Mein Sohn, ich habe noch eine Bitte an dich! Siehst du das Regal dort?”
Sie zeigte auf ihr Bücherregal, das auseinanderplatzte vor Papier. Die Bücher standen in allen Farben und Formen in fünf breiten Fächern und mussten selbst wiederum auch nochmal Bücher quer über sich tragen. Es war ein Wunder, dass das morsche Holz nicht schon unter der Last nachgegeben hatte.
„Jedes einzelne Buch dort habe ich gelesen. Kannst du mir ein neues besorgen?”
Sie wippte mit dem Schaukelstuhl hin und her.
Er ärgerte sich darüber, dass er die zwei Solid von letzter Nacht versoffen hatte, und legte den Löffel in den leeren Suppenteller.
„Ja, Mutter, ich werde dir ein neues Buch besorgen!”
Auf seinem nächsten Beutezug könnte er eins mitgehen lassen.
„Weißt du, mein Kind, ein Buch ist wie das Leben selbst. Dummköpfe blättern es schnell durch, aber ein kluger Mensch liest jede Zeile mit Bedacht!”
Er setzte sich ihr gegenüber aufs Sofa und streichelte sanft über ihre zarte Hand.
„Bücher sind die wahren Schätze, mein Kind!”, sagte sie und lächelte ihn an.
„Dein Vater wird sich freuen, dass du hier bist! Geh ihn suchen!”
Er brauchte ihn nicht zu suchen, da er wusste, wo er lag.
Vor 21 Jahren hatte er den Tod gefunden, als die Vampire Hofstein angegriffen hatten und erst durch eine Verstärkung aus Hellmark zurückgedrängt werden konnten. Samuel hatte vage Erinnerungen an die Tumulte und die Unruhen. Seine Mutter hatte sich damals mit ihm in dem großen Keller des Brauhauses verbarrikadiert, bis Soldaten sie befreien konnten.
Während er zu seinem Suppenteller starrte und ihre Hand streichelte, nickte sie ein. Leise pfiff ihr Atem über die schmalen Lippen.

Als er still die Haustür hinter sich zuzog und die hölzernen Stufen nach unten ging, kam ihm Herr Guntro entgegen.
Samuel stöhnte innerlich auf. In den letzten Wochen hatte er ihm geschickt aus dem Weg gehen können.
„Gut, dass ich Sie antreffe!”
Herr Guntro zeigte mit seinem Gehstock, dessen goldener Knauf beim Pfandhändler genug Solid einbringen würde, um Samuel und seine Mutter für vier Monate zu ernähren, auf ihn.
„Ich habe keine Lust mehr auf Ihre Spielchen! Sie haben mir jetzt drei Mal versichert, mir die Mieten zu bringen, und ich warte immer noch darauf!”
Guntros Monokel tanzte auf und ab, während seine Augen vor Verärgerung glühten.
„Sparen Sie sich die Aufregung, ich habe das Geld!”
„Ach, und wo ist es?”
„In meinem Kontrollraum in der Fabrik! Ich habe meinen Lohn gestern erhalten, also kann ich Ihnen das Geld demnächst vorbeibringen!”
„Demnächst heißt wann?”
„Das kann ich nicht sagen, weil meine Schichten im Moment unterschiedlich ausfallen. Glauben Sie mir, ich bringe es Ihnen vorbei!”
Wieder hob Guntro seinen Gehstock und fuchtelte damit bedrohlich nahe vor Samuels Nase herum.
„Verkaufen Sie mich nicht für dumm, hören Sie? Bis nächste Woche habe ich das Geld, sonst sitzt Ihre Mutter auf der Straße!”
Mit einem giftigen Blick stolzierte er schnurrbartzupfend an ihm vorbei.
Samuel konnte diesen geldgierigen Aasgeier nicht ausstehen.
Er dachte zurück an das Gespräch zwischen Rupert und dem Unbekannten auf der Toilette.
„Kein Risiko, kein Hauptgewinn!”, sagte er leise zu sich und seufzte. Wenn es diese Gruft wirklich gab und sie ihn verschlingen würde, wäre seine Mutter nicht nur obdachlos, sondern auch alleine. Er faltete seine Hände über dem Kopf zusammen, als würde er den gütigen Allvater um ein Wunder bitten. Dann ging er mit zügigen Schritten in Richtung der alten Abwasserkanäle.

Normalerweise war der Zutritt erst in der Nacht gestattet, und jetzt war es früher Abend. Erst, als er Aluk seine gesamten Essensmarken übergab, ließ dieser ihn in die Ausrüstungskammer. Samuel war sauer.
Er stand in dem kleinen Raum und schaute sich um. Was könnte man für solch ein wahnsinniges Vorhaben gebrauchen? Er schnallte sich eine kleine Armbrust auf den Rücken, die er in einer mit Staub bedeckten Kiste fand. Einen passenden Köcher mit Bolzen befestigte er an seinem Gürtel. Seine Kleidung wollte er auch wechseln. Er rechnete damit, auf Vampire zu treffen, und im Kampf mit diesen Kreaturen war es wichtig, so wenig Haut wie möglich zu zeigen. Daher zog er sich Handschuhe und ein stärkeres Hemd an, dessen Kragen er hochklappte. Zur Sicherheit band er sich noch ein rotes Tuch um den Hals. Festere Stiefel brauchte er ebenso wie eine Lampe, die er praktischerweise neben dem Köcher am Gürtel befestigen konnte. Um den Unterarm schnallte er sich ein Lederband, in dem sich verschiedene Dietriche befanden. Falls es in der Gruft so etwas wie Schlösser gab, war er vorbereitet.
Um überhaupt erst den Weg in die Gruft zu finden, griff er nach dem alten, rostigen Kompass, den er hinter einer Spinnwebe fand.
Eilig schnappte er sich noch einen alten Rucksack. Darin würde er die ganzen Schätze transportieren, wenn er denn welche finden würde. Für seine Pistole konnte er noch einige Silberkugeln zusammenklauben, fand aber keinen Kletterhaken.
„Tabea hat den letzten vor ungefähr einer Stunde mitgenommen!”, sagte Aluk.
Samuel hatte gehofft, dass sie und Rupert frühestens morgen zur Gruft reiten würden.
„Musste sie auch all ihre Essensmarken dafür rausrücken?”, fragte Samuel, schmiss die Tür der Ausrüstungskammer mit voller Wucht hinter sich zu und kletterte nach oben.

Als er wieder unter freiem Himmel war, stahl er ein Marsal, das einsam in einem der Ställe am Stadttor Heu futterte. Die Wache, die kurz vorher noch munter ihre Runde gemacht hatte, schlummerte nach einem gezielten Schlag sanft hinter einem dicken Strohballen. Samuel war stolz darauf, mit welcher Selbstverständlichkeit er das zustande gebracht hatte.

Die beiden Monde waren fast vollständig verschwunden und schickten nur noch dämmriges Licht über den Horizont, als er an die Stelle kam, an der der Tarus in den Wald strömte.
Samuel stieg vom Marsal und band es an den erstbesten Baum.
Links von sich sah er zwei weitere auf der Wiese grasen. Tabea und Ruperts Vorsprung war enorm.
Ob er auch etwas von den Schätzen abbekommen würde? Wie die beiden wohl reagierten, wenn er auf einmal vor ihnen auftauchte?

Ende der Leseprobe!


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