Mittwoch, 18. Dezember 2013

Leseprobe "Lieferung von Krokk"

Guten Abend, meine Damen und Herren!

Schauen Sie und staunen Sie, denn ich habe etwas wunderbares mitgebracht: Meine dritte Leseprobe zu meinem neuen Buch "Kurzgeschichten aus Nuun"! Ich wünsche eine gute Unterhaltung!




Lieferung von Krokk


Das Sturmwasser schmeckte nicht, und damit endete der Tag so mies, wie er begonnen hatte. Die Lieferung nach Tausendbein lief zwar ohne Probleme, aber das änderte nichts an seiner Stimmung.
Wie eine Tätowierung hatte sich das heutige Datum vor genau einem Jahr für alle Zeit in seinem Kopf festgesetzt. Der Alkohol half ihm über die ersten Monate hinweg. Schnell aber sah er ein, dass dies auf Dauer keine Lösung sein würde. Er konnte verstehen, wenn andere sich ewig damit betäubten, aber er wollte sein Leben nicht als umherirrender Zombie verbringen. Auch das Rauchen gab er auf, und damit war er so gar nicht das typische Bild einer gescheiterten Existenz, wie man sie hier in Fepriffs Bar jeden Tag antreffen konnte.
Der Geruch von Tabak, Bratenfett und Schweiß lag in der Luft. Fast alle Tische waren besetzt mit Arbeitern, Bauern und Händlern, die ihre Flaschen zum Mund führten, Zigaretten wild gestikulierend zu ihrer lauten Erzählung durch die Luft schwenkten oder sich ein saftiges Stück Fleisch schmecken ließen. Viele wollten einfach nur wie er den Tag mit Alkohol beenden, wobei sie im Gegensatz zu ihm auch den morgigen Tag durch einen trüben Flaschenboden begrüßen würden. Aufgrund der wenigen Solid in Krokks Manteltasche konnte er sich das nicht erlauben. Nun ja, heute hatte er ausnahmsweise ein dickes Bündel Scheine dabei, das er aber morgen seinem Vermieter bringen musste, um eine Sorge weniger zu haben.
Die Bezahlung hing immer davon ab, wohin er liefern musste. Je gefährlicher seine Route oder je teurer die Ware in seiner Kutsche, desto mehr konnte er verlangen.
Seine oberste Regel lautete: Sei dir sicher, was du transportierst! Illegale Geschäfte waren selten in den letzten Monaten. Die Bezahlung war zwar besser, aber die Stimme in seinem Kopf war leider nicht käuflich.
Lautes Gelächter einer ganzen Truppe von Mechanikern schallte durch den Raum. Krokk griff erneut zum Glas. Als er es wieder absetzte, sah er einen Mann, der aus dem Nichts aufgetaucht war, an der Bar stand und Fepriff beim Abtrocknen der Gläser störte.
Der seltsame Kerl hatte ein Tuch vor dem Mund und den Zylinder tief ins Gesicht gezogen. Die Kleidung war eher schlicht, keine Schnörkel oder Metallteile, nur abgetragener Stoff. Seine Hose war eng anliegend, grau-schwarz gestreift und führte in ein Paar feste, schwarze Stiefel.
Fepriff unterhielt sich mit ihm, wobei er mehr zuhörte. Was der Fremde sagte, konnte Krokk durch die frivolen Witze und ebenso laut vorgetragenen Trinksprüche seiner Umgebung nicht verstehen. Aber er konnte Fepriffs Blick lesen, und der sah nicht so aus, als würde der Typ gerade ein Getränk bestellen. Stattdessen schaute er kurz zu ihm, was Krokk dazu trieb, seine Hand möglichst unbemerkt unter den Mantel zu schieben.
Alte Rechnungen, die jemand begleichen wollte?
In Gedanken ging er seine letzten illegalen Lieferungen durch, kam aber zu dem Ergebnis, dass alle seine Kunden zufrieden waren und sich stets mit einem Händedruck verabschiedet hatten. Außer Holbert. Das lag aber daran, dass er beide Hände verloren hatte und somit keine mehr schütteln konnte. Ein Sprengstoffunfall hatte ihn dazu gezwungen, sich sein Leben mit illegalen Drogen erträglicher zu gestalten und damit seinen verlorenen Lebensmut zu ersetzen. Krokk besorgte ihm kiloweise Jawa-Staub, der normalerweise nur in Krankenhäusern eingesetzt wurde. Dafür ließ Holbert einige Solid springen.
Wusste Krokk vielleicht zu viel?
Gut möglich, aber das war das Risiko, wenn man bei jeder Lieferung selbst aufgestellte Regeln befolgen wollte.
Krokks Hand lag auf der Pistole, die an seinem Gürtel befestigt und vom Mantel verdeckt war. Der Fremde streckte Fepriff seine Hand entgegen, der diese Geste annahm und sie schüttelte. Ungewöhnlich. Die Hände von Fepriff im Blick entdeckte er jetzt einen kleinen, gefalteten Zettel. Krokk mochte ihn zu sehr, um ihn einfach so seinem Verderben zu überlassen. Wenn man sich hier in Tausendbein mit den falschen Leuten einließ, landete man entweder mit aufgeschnittener Kehle in der Gosse oder im besten Falle im Gefängnis, um dort dann in einer Zelle zu verrecken.
Die Stadt lag nahe am Krallenmoor und dem Gebiet der Werwölfe, sodass viele Bürger in ständiger Angst lebten. Manch schlauer Kopf wusste, mit dieser Angst Geschäfte zu machen. Schutzgelderpressungen waren an der Tagesordnung.
Krokk ließ den letzten Schluck des Sturmwassers unter seinem dichten, grauen Schnurrbart in den Mund fließen und ging nach vorne zur Theke.
„Noch eins!“
Fepriff nickte, legte sein Küchentuch zur Seite und nahm mit einer routinierten Bewegung die Flasche, mit der er dann beiläufig das Glas füllte.
Gerade wollte er Fepriff seine weisen Worte überbringen, als der schmale Zettel abermals den Besitzer wechselte.
„Wollte gerade an deinen Tisch kommen!“, sagte Fepriff, der sein Küchentuch wieder in die Hand nahm.
Krokk schaute den Wirt vielsagend an.
Der Zettel lag so neben dem Glas, dass nur er ihn sehen konnte.
Fepriff formte seinen Mund zu einem schmalen Streifen, nickte und widmete sich dann dem nächsten schaumbedeckten Glas aus dem Spülbecken.
Krokk rückte die runden Gläser seiner Brille zurecht, nahm mit einer Handbewegung Glas sowie Zettel und trabte zurück an seinen Platz.
Noch bevor er das Papier betrachtete, schaute er sich um.
Jeder hier im Raum war ihm mehr oder weniger bekannt. Auf einer Skala von „Schon mal gesehen“ bis hin zu „Aus der eigenen Kotze gezogen“ war alles dabei. Die Männer und Frauen waren damit beschäftigt, über ihre Arbeitgeber zu schimpfen oder Fingerhakeln zu spielen. Niemand beobachtete ihn. Der Fremde war nicht mehr unter ihnen, aber scheinbar wusste er, wer Krokk war und was er tat.
Mit seinen rauen, hornhautbesetzten Fingern faltete er das Papier unterhalb der Tischkante auseinander. Im Halbdunkel entzifferte er den Satz, der mit schwarzen Großbuchstaben geschrieben war:

HINTER DER KNEIPE. JETZT!

Verdammt mutig, ihm auf diesem Wege einen Geschäftsvorschlag zu machen. Krokk stand gar nicht auf diesen Befehlston. Er war eher der dominante Typ, auch wenn er aussah, als würde er den ganzen Tag Tauben füttern. Krokk leerte das Glas mit einem Zug, stand auf und gab Fepriff seine Solid.

Die Monde schienen aus einem Winkel, der die Gasse nur schwach beleuchtete. Vor ihm stand der Fremde, den Zylinder tief im Gesicht und ein schwarzes Tuch vor Nase und Mund.
Dumpf drang das Geplärre der Kneipe nach draußen.
Würde er jetzt eine Waffe ziehen, hätte Krokk keine Chance und es wäre sein Name, der morgen früh in der Zeitung unter der Überschrift „Mysteriöser Mord“ genannt werden würde.
Papierreste und abgefallenes Laub flogen raschelnd, vom Wind getrieben über den Boden und an ihren Beinen vorbei.
„Krokk, richtig?“, fragte der Fremde, dessen Stimme durch das Tuch stark gedämpft wurde.
„Ja, und wer bist du?“
„Unwichtig!“
Der Fremde kam einen Schritt näher, behielt seine angespannte Körperhaltung jedoch bei.
„Wir brauchen jemanden, der etwas nach Hellmark transportiert! Hast du Interesse?“
Krokk strich ruhig über seinen grauen Bart, während der Fremde wartend seine Arme verschränkte.
„Das Problem ist: Ich mache nur noch legale Lieferungen. Und wenn es sich um eine solche handeln würde, könnte ich dein Gesicht sehen und wir würden uns nicht zwischen Mülleimern und toten Ratten unterhalten!“
Der Fremde ließ sich ebenfalls Zeit mit seiner Antwort.
„Wir zahlen 5000 Solid! 2.500 beim Aufladen und noch einmal die gleiche Summe beim Abladen!“
Krokk dachte kurz an das Geld und wie viele Mieten er damit abdecken könnte, schüttelte dann aber den Kopf.
„Sucht euch einen anderen Idioten!“
Krokk warf den Zettel des Fremden zusammengeknüllt in eine Pfütze, die vom Regenschauer des Morgens übrig geblieben war.
„Wir wollen aber den besten Idioten für den Job!“, sagte der Maskierte und verschwand zu Krokks Verwunderung in einer dunklen Seitengasse.
„Nicht heute!“, flüsterte Krokk und griff nach der Silberkette, die um seinen Hals hing.
Illegale Lieferungen wurden im Schnitt dreimal so gut bezahlt wie legale. Vorausgesetzt, man konnte Lieferscheine fälschen oder wusste einen anderen Weg, um an den Stadtwachen vorbeizukommen.
Er rückte seine Brille zurecht und ging an der Kneipe vorbei, aus der immer noch Gelächter drang. Auf seinem Weg nach Hause achtete er besonders auf die Schatten, die aus den engen Seitengassen krochen.

In seiner ungepflegten Zweizimmerwohnung angekommen, zog er als Erstes den Mantel aus und genoss es, diese Last nicht mehr auf den Schultern zu haben. Der Stoff sackte auf dem Boden zusammen, bevor er sich bückte und aus der Innentasche einen kleinen Teddybären zog. Behutsam platzierte er ihn neben sich auf dem Kissen. Bevor er die Hose auszog, nahm er die Pistole aus dem Gürtel und legte sie auf den Nachttisch, ebenso das Rasiermesser, das er immer in seinem linken Stiefel aufbewahrte. Es war ein angenehmes Gefühl, keine Schuhe mehr zu tragen. Er zog auch das weiße Hemd und die Fliege aus und trug nur noch eine schlabbrige Unterhose. Mit dem Rücken legte er sich auf die viel zu harte Matratze. Den kleinen Teddy, den sein Sohn gebastelt hatte, platzierte er auf seinem Bauch.
Heute vor genau einem Jahr hatte er die beiden liebsten Menschen verloren, die er je in sein Herz geschlossen hatte. Immer blasser werdende Erinnerungen, die Kette um seinen Hals und dieses kleine, abgewetzte Stofftier, das sich rhythmisch zu seiner Atmung hob und wieder senkte, waren alles, was ihm geblieben war.
Seine Frau, stets fürsorglich und ehrlich, war strikt dagegen gewesen, ungenehmigte Transporte auszuführen. Bis kurz vor ihrem Tode hatte sich eine Krankenschwester um sie gekümmert. Ihre Augen und ihren Mund, als dieser das Wort „Nebelschatten“ formte, würde Krokk nie vergessen. Eine Krankheit, die zu einhundert Prozent mit dem Tod endete. Als müsste die Menschheit nicht schon genug kämpfen.
Mit diesen Bildern im Kopf und den Fingern an der Silberkette glitt er langsam in den Albtraum, den er jede Nacht hatte.
Am nächsten Morgen schmerzten seine Glieder und der Teddy lag neben dem Bett.
Ein kurzer, von Unschärfe geprägter Blick auf den Nachttisch ließ ihn hastig nach seiner Brille greifen. Ein Zettel lag neben seiner Pistole. Hatte er den nicht gestern in die Gasse geworfen?
„Heute Abend, 22 Uhr! Bauruine neben der alten Kelterei!“, las er darauf.
Krokk schnappte sich die Waffe, prüfte die Patronen in der Kammer und schaute sich im Zimmer um. Bedächtig kroch er aus dem Bett und schlich in Unterhose zur Badezimmertür.
 

Ende der Leseprobe!


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